Corona-Impfstoff: Ist der entscheidende Durchbruch erfolgt? Die zwölf wichtigsten Fragen und Antworten

0
139
KMU- Wirtschaft
Quelle: bz Basel

Der Impfstoff des US-Pharmakonzerns Pfizer und seines deutschen Partners Biontech soll einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Corona bieten. Dies teilen zumindest die beiden Firmen mit. Über 43’000 Freiwillige machen an der US-Studie mit.

1. Pfizer und Biontech haben eine Covid-Impfung vorgestellt, die 90-prozentigen Schutz bieten soll. Was bedeutet das?

Der Impfstoff muss mit zwei Injektionen verabreicht werden, die drei Wochen auseinander liegen. Nach einer Woche soll die Impfung eine Schutzwirkung entfalten. Bis jetzt wurden 43’500 Freiwillige in den USA geimpft. Sie erhielten entweder den Impfstoff oder ein Placebo. Mittlerweile sind in der Studie 94 Fälle von Covid-19 aufgetaucht. Wie viele davon aus der Impfgruppe stammen, sagten die Unternehmen nicht. Es müssten aber weniger als neun Fälle sein, damit die Angabe von 90 Prozent zutrifft. Die Studie soll fortgesetzt werden, bis 164 Fälle aufgetaucht sind. Bisher ging man davon aus, dass ein Impfstoff eine Wirksamkeit von 60 bis 70 Prozent erreicht.

2. Ist der Impfstoff auch sicher? Wie steht es mit den Nebenwirkungen?

Es gibt Nebenwirkungen, das wurde schon früher bekannt gegeben. Sie seien mit Fieber und Schmerzen anderer Impfstoffe für Erwachsene vergleichbar, sagte William Gruber, zuständiger Manager für die Entwicklung und klinische Erprobung von Impfstoffen bei Pfizer.

Lesen Sie dazu auch:

Impfstoff soll zu 90 Prozent vor Corona-Infektionen schützen: «Ein Sieg der Wissenschaft»

Miese Corona-Bilanz: Alle Romandie-Kantone sind in Europas Flop-10!

Möglicher Durchbruch bei Corona-Impfstoff: Ein erster, wichtiger Schritt

3. Wie funktioniert der Wirkstoff?

Es handelt sich um einen mRNA-Impfstoff. Eine mRNA (messenger RNA) ist ein Nukleinsäurestrang, der innerhalb einer Zelle die Bildung eines bestimmten Proteins anregen soll. Der injizierte mRNA-Impfstoff befiehlt nun die Bildung eines Virus-Proteins. Dieses dient als Antigen. Darunter versteht man einen Stoff, welcher das Immunsystem anregt, eine Immunantwort anzustossen, zum Beispiel Antikörper zu bilden. Kommt nun das echte Virus, wird es vom Immunsystem bereits erkannt und kann bekämpft werden. Im Gegensatz zu anderen Impfstoffen aus abgeschwächten oder inaktivierten Viren, besteht keine Gefahr einer Neuaktivierung des Virus. In der Produktion sind mRNA-Impfstoffe ungleich billiger und schneller herzustellen als Impfstoffe mit abgetöteten oder abgeschwächten Viren.

4. Sind Pfizer und Biontech die einzigen Pharmafirmen, die so weit sind?

Weit fortgeschritten ist der Pharmakonzern Astrazeneca, der zusammen mit der britischen Universität Oxford einen Impfstoff entwickelt. Er befindet sich ebenfalls in der letzten der drei Phasen der klinischen Entwicklung. Im Spitzenfeld befindet sich zudem die US-Biotechfirma Moderna, die mit dem Basler Pharmazulieferer Lonza zusammenarbeitet. Moderna meldete Ende Oktober, die letzten Teilnehmer in ihre Impfstudie aufgenommen zusammen haben. Insgesamt beteiligen sich 30’000 Menschen an der Studie der letzten und entscheidenden Phase III. Erste Daten aus dieser Studie werden diesen Monat erwartet. Vorne dabei ist auch der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson. Die Firma musste jedoch ihre Studie im Oktober stoppen, weil ein Teilnehmer erkrankte. Nach elf Tagen setzte das Unternehmen die Studie fort. An was die betroffene Person erkrankte, ist unbekannt. Man weiss auch nicht, ob sie den Impfstoff oder ein Placebo erhielt.

5. Hat sich die Schweiz Impfdosen von Pfizer/Biontech gesichert?

Nein. Die Schweiz hat bislang zwei Verträge abgeschlossen. Im August sicherte sich das Land 4,5 Millionen Impfdosen von Moderna. Vor gut drei Wochen kam ein Vertrag mit dem Pharmakonzern Astrazeneca hinzu. Hier schloss der Bund einen Vertrag über die Lieferung von bis zu 5,3 Millionen Impfdosen ab. Insgesamt hat der Bundesrat 300 Millionen Franken für die Beschaffung der Corona-Impfstoffes gesprochen. Ob auch Verhandlungen mit Pfizer laufen, sagt das zuständige Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage nicht.

6. Welche Entwickler sind mit der Impfung in Phase 3?

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befinden sich derzeit zehn Impfstoffkandidaten in der finalen Studie der Phase 3. Neben den bereits erwähnten Pharmakonzernen arbeiten auch kleinere Firmen an der Entwicklung eines Impfstoffs.

7. Wie wirksam ist diese Impfung bei Senioren?

Mehr Informationen als die 90 Prozent Wirksamkeit gibt es nicht. Die Unternehmen äusserten sich auch nicht dazu, ob die Impfung schwere Fälle verhindern kann, ob sie verhindert, das Angesteckte infektiös werden, und auch nicht, ob und wie gut sie das Risiko auch für Ältere und andere Risikogruppen vermindert.

8. Wie lange hält der Schutz der Impfung an?

Wie lange die Schutzwirkung anhält, ist ebenfalls nicht bekannt. Die Impfung regt ja eine Immunantwort an. Entscheidend ist dann, wo aus dem Immunsystem die Antwort her kommt. Werden nur Antikörper produziert, kann sich die Wirkung wieder abschwächen, weil die Antikörper wieder verschwinden. Wird aber auch die Zellabwehr aktiviert, kann ein längerer Schutz entstehen.

9. Wie wird der Impfstoff verteilt, wer bekommt ihn zuerst?

Vernünftig wäre, wenn zuerst das Gesundheitspersonal immunisiert würde. Und dann die Risikogruppen und die besonders Gefährdeten. Allerdings ist das Immunsystem älterer Personen nicht mehr so aktiv. Daher ist zu befürchten, dass die Wirkung einer Impfung nicht gleich gross ist, wie wenn sie einer Person mit einem aktiveren Immunsystem verabreicht wird.

10. Donald Trump behauptet, dass Pfizer die Impfung erst jetzt kommuniziert, weil die US-Wahlen durch sind. Ist da was dran?

Wenn das stimmen würde, hätte Pfizer die Börsenregeln verletzt. Diese besagen, dass ein Unternehmen wichtige Neuigkeiten innerhalb von 24 Stunden öffentlich bekannt machen muss. Dies würde also bedeuten, dass der US-Pharmakonzern die neusten Daten für mindestens sechs Tage zurückgehalten hätte. Ein Unternehmen kann sich das alleine mit Blick auf einen möglichen Rufschaden nicht leisten. Hinzu käme eine saftige Busse der US-Börsenaufsicht SEC, würde dieses Fehlverhalten bekannt.

11. Wie viele Leute müssen geimpft werden, damit die sogenannte Herdenimmunität herrscht?

Ursprünglich ging man von einem R0-Wert (Basisreproduktionsrate) von Sars-CoV-2 aus, der um 3 liegt. Das heisst: Jeder Angesteckte steckt drei neue Empfängliche an. Damit der R-Wert auf 1 (nur noch ein weiterer Empfänglicher wird angesteckt) runter geht, müssen also 100 Prozent – 33,3333 Prozent = 66,6666 Prozent immun sein. Man kann annehmen, dass bereits eine gewisse Cross-Immunität von anderen Coronaviren in der Population vorhanden ist. Neuere Studien sehen einen Anteil von etwas über 5 Prozent. Wenn sich also rund 60 Prozent der Menschen impfen lassen und der Schutz wirklich um die 90 Prozent beträgt, dann dürfte sich die Pandemie wirksam stoppen lassen.

12. Plant die Schweiz einen Impfzwang?

Für die ganze Bevölkerung ist das gar nicht möglich. Denn das Epidemiengesetz sieht keinen generellen Impfzwang vor. Es macht jedoch Einschränkungen. So kann der Bund nach Anhörung der Kantone eine Impfung für obligatorisch erklären, wenn es sich um gefährdete Bevölkerungsgruppen handelt. Im Gesetz wird dies mit besonders exponierten Personen umschrieben sowie Menschen, die eine bestimmte Tätigkeiten ausüben. Hier dürfte vor allem das Gesundheitspersonal im Vordergrund stehen. Bundesrat Alain Berset kann sich einen Zwang etwa für Angestellte in Altersheimen vorstellen, wie er der SRF-Sendung Rundschau sagte.

Quelle: bz Basel