Wegen Corona: Manor-Chef will am Samstag bis 21 Uhr verkaufen – und übt Kritik

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KMU-Wirtschaft
Quelle: bz Basel

Jérôme Gilg leitet die grösste Warenhauskette der Schweiz – und er steht vor dem schwierigsten Weihnachtsgeschäft in der Geschichte von Manor. Nun stellt er politische Forderungen.

Am Dienstag lud Manor-Chef Jérôme Gilg (45) zu einem Presse-Event nach Chavannes-de-Bogis im Kanton Waadt. Der Anlass: Eine neue Kooperation der Warenhauskette mit dem französischen Multimedia-Konzern Fnac. Doch die Feierlaune ist getrübt. Das schwierigste Weihnachtsgeschäft der Geschichte steht vor der Tür. Und in Genf herrscht ein Lockdown.

Die Geschäfte in Genf sind seit Anfang November zu. In der Rhone-Stadt betreiben Sie Ihr grösstes Warenhaus, sind also stark betroffen. Haben Sie Verständnis für den Lockdown?

Jérôme Gilg: Ich verstehe, dass die Genfer Regierung auf die steigenden Fallzahlen reagieren musste. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass dieser Entscheid quasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gefällt wurde, innerhalb weniger Stunden und so extrem.

Sie sind frustriert?

Natürlich bin ich frustriert. Denn wir Detailhändler haben bewiesen, dass die aufwändigen Sicherheitskonzepte wirksam und Einkaufszentren sicher sind. Seit dem Genfer Lockdown weichen die Konsumenten einfach in die Waadt aus. In unserem Warenhaus in Chavannes, unweit der Kantonsgrenze, sind die Umsätze seither um 40 Prozent gestiegen! Auch unsere anderen Waadtländer Geschäfte haben mehr Kunden. Das ist bizarr und zeigt, wie kontraproduktiv diese kantonalen Einzelgänge sind. Der Virus macht ja an der Kantonsgrenze nicht halt.

Fakt ist: Genf ist seit Tagen die am stärksten betroffene Corona-Region in ganz Europa, gefolgt von den weiteren Romandie-Kantonen. Es braucht Massnahmen!

Nochmals, ich verstehe, dass man reagiert. Es sind keine einfachen Entscheide für die Politiker. Aber ich wünsche mir einen milderen Weg, so wie es die anderen Romandie-Kantone gemacht haben.

Dort wurden in erster Linie Clubs, Bars und Restaurants geschlossen. Haben Sie der Genfer Regierung Vorschläge für einen Kompromiss gemacht?

Ja, via Branchenverband sind wir in Kontakt mit den Behörden. Man könnte die Anzahl Kunden pro Quadratmeter etwas stärker einschränken, obwohl es meiner Meinung nach jetzt schon genügend Platz in den Geschäften hat. An Spitzentagen wie dem Black Friday nächste Woche werden die Kunden draussen anstehen müssen.

Wie sehr schmerzt diese Schliessung?

Dieser Mini-Lockdown schmerzt das ganze Gewerbe, klein und gross, auch weil wir uns in der Vorweihnachtszeit befinden, in der wir gewöhnlich über 20 Prozent unseres Jahresumsatzes erzielen.

Beim ersten Lockdown war das Verständnis für die Massnahmen auch bei den Händlern relativ gross. Nun wird die Kritik lauter, die Situation scheint zu kippen. In Genf gab es zuletzt vermehrt Proteste. Haben Sie Verständnis für diese Wut?

Ich verstehe diese Proteste und wenn kleine Händler sagen: Das können wir nicht mehr akzeptieren! Der Druck auf unsere Angestellten und das gesamte Unternehmen ist enorm. In Genf mussten wir rund 300 Leute wieder in die Kurzarbeit schicken.

Haben Sie Angst, dass auch andere Kantone wieder einen Lockdown ausrufen?

Klar. Zuversichtlich stimmt mich zumindest, dass die Infektionszahlen sinken, auch aufgrund der Einhaltung der Schutzmassnahmen.

Manche Händler wie die Migros Aare und Globus verlängern die Öffnungszeiten. Sie auch?

Ja, wir werden die Öffnungszeiten im November und Dezember an mehreren Tagen verlängern, zumindest in jenen Kantonen, wo dies regulatorisch möglich ist. Und wo es das Gesetz nicht erlaubt, setzen wir uns zusammen mit unserem Branchenverband, der Swiss Retail Federation, für ausserordentliche Bewilligungen für längere Öffnungszeiten ein. Im Fokus ist vor allem der Samstag. In vielen Kantone wie Freiburg oder Luzern müssen wir dort bereits um 16 Uhr schliessen.

Bis wann sollen die Geschäfte offenbleiben? 20, 21, 22 Uhr?

22 Uhr wäre sicher das Maximum. Aber 20 oder 21 Uhr am Samstag fände ich in dieser ausserordentlichen Situation sinnvoll.

Mit welchem Jahresresultat rechnen Sie?

Wir werden das Jahr mit 10 bis 15 Prozent Umsatzverlust abschliessen. Das mag nach relativ wenig klingen angesichts der Pandemie. Aber wenn man die tiefen Margen im Detailhandel kennt, dann ist schnell klar, wie schmerzhaft dies für unsere Rendite ist. Gleichzeitig sind die Lebensmittelhändler natürlich die grossen Gewinner der Krise, da gibt es eine grosse Diskrepanz. Bei uns liefen Haushalt-, Küchen- und Dekorationswaren sehr gut, während der Modebereich und die Parfümerie stark gelitten haben.

Läuft die Suche in Zürich weiter nach einem neuen Standort als Ersatz für die Bahnhofstrasse?

Ja, die Suche läuft weiter. Wir möchten unbedingt wieder in der Zürcher Innenstadt präsent sein. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Sie lancieren eine neue Partnerschaft mit dem französischen Multimedia-Unternehmen Fnac, das einst in Basel gescheitert ist. Weshalb sollte es jetzt klappen?

Die Ausgangslage ist heute eine ganz andere. Neu übernimmt Fnac in vier von unseren Geschäften in der Romandie den Multimedia-Bereich mit Büchern, Games, IT und Musik, es sind so genannte Shop-in-Shops. Fnac hat eine grosse Kompetenz beim Sortiment und der Beratung, und wir bringen ihnen gute Standorte und die Kundenfrequenz. In Biel werden wir testen, ob das Konzept auch für die Deutschschweiz funktioniert.

Multimedia-Produkte werden stark online eingekauft…

Stimmt, aber das Gegenbeispiel sind die Bücher-Umsätze, die in den letzten Jahren bei Fnac wieder stark gestiegen sind. Auch die Online-Bestellungen in den Läden, wenn ein Produkt nicht wie gewünscht vorhanden ist, nehmen zu. Und im Februar lancieren wir einen neuen Online-Marktplatz, wo Fnac ebenfalls präsent sein wird.

Das Weihnachtsgeschäft hat begonnen. Was sind Ihre Erwartungen?

Die Kunden werden in der Schweiz bleiben und hier einkaufen und sie werden Lust haben, dieses Fest zu geniessen. Auch im kleinen Kreis sind Dekorationen und Geschenke gefragt. Deshalb denke ich, dass die Umsätze nicht schlecht sein werden – aber nur, wenn die Geschäfte offenbleiben.

Coop-Chef Joos Sutter pfiff kürzlich sein Personal zusammen, weil es weiterhin im Home Office arbeiten möchte. Wie handhaben Sie das?

Wir handhaben die Home-Office-Regel sehr flexibel und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Mitarbeitende sind angehalten, von zuhause zu arbeiten, sofern dies möglich ist. Wir haben die nötige Infrastruktur und kommunizieren mit unseren Mitarbeitenden schon seit zwei Jahren via Handy-App.

Ein Zögling der Genfer Maus Frères Holding

Der französisch-schweizerische Doppelbürger Jérôme Gilg ist ein Manor-Kind. Sein Vater war einst Direktor der Warenhäuser in Thun BE und Frauenfeld TG. Gilg startete seine Karriere 2000 bei den Schweizer Carrefour-Filialen, die damals wie Manor zur Genfer Maus Frères Holding gehörten. 2004 wechselte er zur Baumarkt-Kette Jumbo, wo er 2010 zum Chef ernannt wurde.

Anfang 2019 dann die Krönung: Gilg übernahm vom glücklosen Franzosen Stéphane Maquaire die Führung der 59 Manor-Warenhäuser, 31 Manor-Supermärkte, 27 Manora-Restaurants und über 9000 Angestellten. Umsatzzahlen gibt der Konzern seit einigen Jahren nicht mehr bekannt.

Quelle: bz Basel